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Editha Janson
Editha Janson – Alles Zufall?  Monotypien, Fluidpaintings, Staub-, Bitumen-, Kaffee- und Teebilder, Collagen,  Ecoprints, Aquarelle, Gelatinebilder, Collagrafien, Decalcomanien, experimentelle  Papierbanner, Lasurtechnik, vergoldete Äpfel, Buchobjekte, Decollagen etc. Editha  Jansons Werk ist äußerst vielfältig. Sie hat sich nicht wie viele andere Künstler auf nur  ein oder zwei Techniken spezialisiert, sondern arbeitet als freischaffende Künstlerin  bildnerisch, prozessorientiert und interdisziplinär. Sie knüpft Verbindungen zwischen  Materialien, zwischen Techniken und zwischen Kunstformen bzw. -gattungen. Sie  experimentiert, erforscht, lässt sich überraschen, reduziert, setzt Kontraste, erzeugt  Spannung und kitzelt die Essenz aus dem künstlerischen Prozess. Immer spielt der  Zufall eine besondere Rolle. Nichts ist vorhersehbar. In ihren Fluidpaintings kann sich  aus einer Welle durchaus die ausschnitthafte, wolkenüberdeckte Ansicht einer  Inselgruppe oder eines Atolls im Ozean entwickeln.  Das Thema Wasser korrespondiert hier mit der  Technik, denn die gegossene, verdünnte Acrylfarbe  fließt über die mit Gesso bestrichene, flach liegende  Leinwand. Editha Janson kann zwar eine grobe  Richtung dieses Farbflusses vorgeben, doch die  letztendliche Verteilung der Farben ist dem Zufall  überlassen. Mit dem Eintropfen von Spiritus und  Wasser wird sie zusätzlich beeinflusst. Akzente  werden gesetzt. Ist das Bild nach einigen Stunden  trocken, kann es also vollkommen anders aussehen,  als bei seiner ursprünglichen Komposition, da die  Farbe über den Rand läuft, die Geschwindigkeit  dessen aber von der Verdünnung abhängig ist. Der Trocknungsprozess ist somit ein  langsamer Veränderungsprozess des Bildes, dessen Ergebnis offen ist.  Bildkompositionen vollständig durch zu planen ist nicht Editha Jansons Art. Wo blieben  da die Freiheit und die Spannung bei der Entstehung eines Werkes, wenn schon vorher  genau feststünde, wie es später aussehen würde? Wo blieben Experiment und  Forschung, wenn Komposition und Durchführung bereits bis ins Kleinste überlegt  wären?   Das Fluidpainting „Denkprozess“ war das erste Bild der  Künstlerin dieser Art und zeigt diesen  Gedankenprozess auf künstlerische Art. Es gründet auf  einer V-Vorm. Unruhige, dunkle und helle Rot-, Gelb-  und Orangetöne fließen ineinander und auseinander.  Sie erscheinen wie ausbrechende Lava, deren  Richtung sich immer wieder willkürlich verändert.  Sie  werden unterbrochen von kleinen weißen Flächen. Die  Gedankengänge der Künstlerin, die nicht unbedingt  eine Ordnung haben müssen, sondern viel Raum für  Veränderungen lassen, sich leicht in unterschiedliche  Richtungen bewegen und durch Einflüsse von außen  verändern können, setzen Geistesblitze frei, die sich irgendwann zu einer relativ klaren  weißen Fläche manifestieren, wenn das Experiment abgeschlossen und das Ergebnis  sichtbar ist. Editha Janson setzt sich so mit ihrer künstlerischen Arbeit keine Grenzen.  Themen und Techniken werden phasenweise bearbeitet, verbunden, getrennt und  ausgeschöpft – ausdauernd und frei. So bleibt ihre Kunst für sie selbst und für andere  immer interessant, weil es auch immer Neues zu entdecken gibt.  Vor allem das Ausschnitthafte und der Bezug zum  Gegenständlichen sind seit jeher ein wichtiger  Bestandteil ihrer Kompositionen. Der Betrachter  wird stets mit einbezogen. Er muss vieles selbst  weiter oder zu Ende denken. Jansons Werke sind  fast immer offen komponiert. „Ausschnitte machen  ein Bild spannender. Man müsse nicht alles malen.  Alles was nicht auf dem Bild sei, verbinde das  Gehirn automatisch.“, erinnert sich die Künstlerin  an die Aussage ihres damaligen Dozenten Jens  Kilian an der Freien Akademie für Malerei,  Düsseldorf. Sich auf ein Detail zu konzentrieren,  erlaubt, sich viel intensiver damit auseinander  setzen zu können, das Wesentliche zu erfassen, zu  reduzieren, zu vergrößern und zu abstrahieren.  Der „Keimling“ z.B. ist für eine Gruppenausstellung zum Kirchentag 2016 in der  Hoffnungskirche zum Thema „Hoffnung haben wir“ entstanden. Das Bild ist 40x40 cm  groß und zeigt in riesenhafter Vergrößerung formatfüllend den Ausschnitt eines  Senfkornkeimlings. Seine großen Blätter sind weit angeschnitten. Der Betrachter kann  sie weiter denken. Der Stiel ist unglaublich dünn, das Senfkorn deutlich sichtbar. Der  Hintergrund verschmilzt stellenweise mit den Blättern oder scheint durch sie hindurch.  Trotzdem hat der Keimling nichts zerbrechliches, sondern erscheint stark, obwohl der  Pinselstrich sehr weich ist. Die unklar definierten Linien unterstützen die Leichtigkeit  seiner Entfaltung und die Leichtigkeit der gesamten Komposition. Dadurch strahlt die  Makroansicht auf den Keimling eine ganz klare Botschaft aus: Hoffnung. Alles ist  möglich. Die hellen, grünen Farbtöne, die selbst im Hintergrund immer wieder  auftreten unterstützen diese Aussage. Grün gilt im Allgemeinen als Farbe der  Hoffnung. In diesem Bild entsteht Leben. Man kann es spüren. Mit dem eigenen,  automatischen Weiterdenken des Ausschnittes wird der Betrachter Teil des Bildes und  Teil der Hoffnung.  Editha Janson hat sich mit ihrer Art Kunst zu leben, immer auf der Suche zu sein und  weiter zu entwickeln vom Stil ihres Ausbilders losgelöst und ein eigenes künstlerisches  Selbstbewusstsein entwickelt. Sie ist offen für Neues, lässt sich inspirieren und  experimentiert immer wieder mit Techniken, Farben und verschiedenen Materialien.  Malerei, Zeichnung, Druck und Objektkunst lassen sich vielfältig kombinieren, so dass  sich Werke niemals wiederholen würden. Die Freude am Ausprobieren neuer Ideen  bestimmt ihr Arbeiten. Das Überraschungsmoment muss auf der Seite der Kunst sein.  Erst sich selbst und dann andere überraschen zu können ist von großer Bedeutung.  Zuviel Vorstellung von dem, wie ein Werk mal aussehen soll, beeinträchtigt Jansons  freien, künstlerischen Prozess und hemmt die Kreativität.  Natürlich bildet das Zeichnen immer die Basis für künstlerisches Arbeiten, vor allem  das Zeichnen nach der freien Natur. Es schafft Grundlagen von denen aus die  Künstlerin in die Abstraktion gehen kann. Rein abstrakt, ohne gegenständlichen Bezug  sind ihre Motive nie.  In ihren Gelatinebildern schafft sie bspw. florale Bezüge  oder experimentiert mit Formen und Farben. Hier fertigt  sie mit Hilfe von Gelatinepulver und Wasser eine etwa  eineinhalb Zentimeter dicke Druckplatte aus Gelatine an,  auf die nach dem Aushärten Farbe aufgetragen und auf  Papier gedruckt werden kann. Durch Abdecken mit Papier  und das übereinander Drucken von Farbflächen entstehen  Monotypien, deren Grundstruktur durch die raue  Beschaffenheit der Gelatine bestimmt wird. Das macht die  Motive lebendig und facettenreich.  Auch ihre Decalcomanien entwickeln sich nach dem Prinzip des Zufalls.  Definiert werden für die Tierschädel lediglich die Augen und die  Nase. Hörner, Kopfform etc. entstehen durch das Fließen der  Aquarellfarbe und den Abdruck der nassen Farbe von der einen  Seite des Blattes auf die gegenüberliegende. Mit Hilfe dieser  simplen Technik lässt Editha Janson hochästhetische  Tierschädelbilder entstehen. Feinste Linien definieren kalligrafisch  anmutende Elemente und hinterlassen zusammen mit den hellen  Farben einen Eindruck von Marmorierung. Die Plastizität ist  erstaunlich, die pastellige Farbzusammenstellung beeindruckend.  Kein Schädel gleicht dem anderen, keiner kann exakt wiederholt  werden.  Farben erzeugen in Jansons Werk immer Formen, meist ungeplante. Sogar die  Portraits sind Teil dieses Prozesses.  Manche bestehenden Farbflächen werden durch Linien neu oder klarer  definiert wie z.B. die Portraitzeichnung einer älteren Frau oder eines  asiatischen Mannes. Die rot-grauen Farbflächen sind beliebig angelegt,  die schwarzen Tuschelinien darüber zeigen, reduziert auf das  Wesentliche, den Kopf der jeweiligen Person. Durch die Linien  erhalten die Aquarellflächen eine gegenständliche Bedeutung, sie  verwandeln sich in etwas Greifbares. Gleichzeitig verleihen sie der  Tuschezeichnung Tiefe, da sie mit Licht und Schatten in Verbindung  gebracht werden können. „Lama in Rose“ hingegen zeigt eine Form in Aquarellfarbe -  die des Lamas - und die Linien der Rose mit ihren Knospen,  Blüten und Blättern in Ölkreide. Im Zusammenhang mit der  Rose ist die „Lamafarbfläche“ nicht mehr ohne  Zusatzinformation durch den Titel als Lama zu erkennen.  Einerseits wird sie als etwas Fremdes wahrgenommen und  irritiert den Betrachter, andererseits ergänzt sie die  abstrahierte Darstellung der Rose und intensiviert die  Wirkung der Zeichnung, zumal beides farblich perfekt  aufeinander abgestimmt ist.  Doch nicht nur Farbflächen und Linien, sowie Mal- und Zeichentechniken kombiniert  die Papenburger Künstlerin. Ihre Buch- und Papiergebilde gestaltet sie mit  Recyclingmaterial und ungewöhnlichen Malmitteln. Sie sind nicht nur gewöhnliche  gefaltete Objekte - Janson erweitert die Technik des Book-Origamis und setzt  künstlerische Akzente. Sei es eine mit Bitumen und weißer Wandfarbe gemalten  Berglandschaft auf einem halbrund gefalteten Buch mit Einband, oder ein Zweig in  einem zum Zylinder gefalteten und geformten Buch. Die Seitenränder eines dritten,  aufgeschlagenen Buches wurden erst mit dunkelroter Farbe bemalt und seine Seiten  anschließend zusammengesteckt und -geklebt, zerknüllt und wunderschön gefaltet  bzw. gebogen. Es scheint blumig und mystisch, einerseits geordnet und andererseits  durcheinander. Starre, gerade Formen ergänzen und durchbrechen sich hier  gegenseitig mit organischen Formen und machen das Gebilde zu einem Kunstobjekt.  Editha Janson arbeitet aus Liebe zur Sache, der Kunst wegen. Sie entwickelt sich als  Künstlerin permanent weiter. Sie wird immer weiter forschen, sich von Zufällen  inspirieren lassen. In ihrer Tätigkeit als Dozentin bei der Caritas und in der Kunstschule  Zinnober gibt sie ihre Erfahrung weiter und schöpft selbst neue Ideen aus der  Zusammenarbeit mit Teilnehmern und Künstlern. Jansons Kunst wird immer wieder  zum neuen Experiment und bleibt stets ein Feld des prozesshaften Arbeitens mit vielen  künstlerisch-technischen Kombinationsmöglichkeiten sowie kaum vorhersehbaren  Ergebnissen.  Wohin werden Experiment, Forschung und Zufall die Künstlerin Editha Janson wohl  noch führen? Dr. Viola Tallowitz-Scharf, Kunsthistorikerin, 2017
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